Fotografien von Alberto Venzago

Wo Menschen und ihre Geschichten zu Hause sind
Der Storchen Zürich ist ein Ort der Spuren, ein Haus, in dem Vergangenheit nicht ausgestellt, sondern gelebt wird. Vor seinen Fenstern fliesst die Limmat, ruhig und unbeirrbar, und öffnet den Blick auf die Altstadt, das Grossmünster und den Zürichsee.
In diesem besonderen Haus entfalten die Fotografien von Alberto Venzago ihre eigene Kraft. Sie erzählen von einer Natur, die älter ist als jede Stadt und grösser als jede Geschichte, die wir über sie erzählen können. Gerade deshalb gehören diese Werke hierher. So begegnen sich im Storchen Zürich zwei Formen des Erzählens: die eines Hauses, das seit mehr als sechs Jahrhunderten Menschen aus aller Welt empfängt, und die eines Künstlers, der sichtbar macht, was oft übersehen wird. Zwischen beiden fliesst die Limmat – als leise Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Die Absenz des Menschen
Wasser
Bei den Staubbachfällen, der Passugger Quelle und den Trümmelbachfällen erfahre ich Wasser in drei völlig unterschiedlichen Aggregatzuständen: als dramatischen Sturz, als verborgenen Ursprung, als geologische Schöpfungskraft.
Bei den Staubbachfällen gehe ich dorthin, wo die Postkarte endet. Oben an der Felskante hält die Fotografie einen Augenblick fest, der in Wirklichkeit niemals stillsteht: den eingefrorenen Moment unmittelbar vor dem Fall.
Ganz anders die Quelle von Passugg. Tief im Inneren des Berges entsteht ein fast sakraler Raum. Das Wasser tritt aus dem Dunkel hervor, unscheinbar und leise – wie ein verborgenes Heiligtum, ein Gralsort. Hier zeigt sich Wasser als Ursprung.
Und schliesslich die Trümmelbachfälle. Unsichtbar von aussen frisst sich das Wasser seit Jahrtausenden durch den Fels und erschafft Räume von kathedralischer Grösse. Nicht ein Architekt hat diese Hallen entworfen, sondern die Geduld des Wassers.
Wasser ist der grosse Bildhauer der Zeit – weich und gleichzeitig stärker als Granit. Vielleicht handeln diese Fotografien deshalb nicht vom Wasser selbst. Sie handeln von Zeit. Von der Zeit, die fällt, fliesst, verschwindet und erschafft.
Wald
Gletscher
Die Gletscheraufnahmen entstanden über mehrere Jahre hinweg, alle aus dem Helikopter. Erst aus der Luft offenbaren sich ihre Dimensionen. Was vom Boden aus als Landschaft erscheint, wird aus der Höhe zu einer abstrakten Topografie aus Eis, Stein, Wasser und Licht – durchzogen von Adern, Brüchen und Narben.
Diese Fotografien dokumentieren nicht nur einen Ort, sondern einen Prozess. Sie zeigen das Vergehen. Gletscher gehören zu den ältesten sichtbaren Zeugen unserer Erde. Heute erleben wir ihr langsames Verschwinden.
Besonders eindringlich erscheint dies am Rhonegletscher. Während der Sommermonate wird ein Teil seiner Oberfläche mit riesigen weissen Tüchern abgedeckt, um das Eis vor der Sonne zu schützen. Die weissen Bahnen erinnern an Verbände, die über eine verletzte Landschaft gelegt werden – oder an ein Leichentuch. Das Bild wird zu einer Metapher für Fürsorge, Verzweiflung und Vergänglichkeit.
Bei den Gletschern wird Wasser zur Zeit – als etwas, das kommt und geht, Landschaften formt und wieder verschwinden lässt.
















