Storchen Vertikal Zusatz Black

Fotografien von Alberto Venzago

Wo Menschen und ihre Geschichten zu Hause sind

Der Storchen Zürich ist ein Ort der Spuren, ein Haus, in dem Vergangenheit nicht ausgestellt, sondern gelebt wird. Vor seinen Fenstern fliesst die Limmat, ruhig und unbeirrbar, und öffnet den Blick auf die Altstadt, das Grossmünster und den Zürichsee. 

In diesem besonderen Haus entfalten die Fotografien von Alberto Venzago ihre eigene Kraft. Sie erzählen von einer Natur, die älter ist als jede Stadt und grösser als jede Geschichte, die wir über sie erzählen können. Gerade deshalb gehören diese Werke hierher. So begegnen sich im Storchen Zürich zwei Formen des Erzählens: die eines Hauses, das seit mehr als sechs Jahrhunderten Menschen aus aller Welt empfängt, und die eines Künstlers, der sichtbar macht, was oft übersehen wird. Zwischen beiden fliesst die Limmat – als leise Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Die Absenz des Menschen


Seit mehr als fünfzig Jahren fotografiere ich Menschen, sie stehen im Zentrum meiner Arbeit. Mein Studio war die Welt. Landschaften waren dabei nie nur Hintergründe, aber sie blieben Nebendarsteller. Wie in der Oper dient die Kulisse der Handlung: Die Landschaft hat zu unterstützen, nicht zu dominieren.
Über die vergangenen fünfzehn Jahre begann sich mein Blick langsam zu verändern. Immer häufiger richtete sich meine Aufmerksamkeit auf jene Räume, die früher nur Hintergrund gewesen waren: auf Wasser, Wolken, Licht, Architektur, die Spuren von Zeit und Vergänglichkeit. Die Bühne begann, eine eigene Sprache zu entwickeln.
Die hier gezeigten grossformatigen Fotografien sind das Ergebnis dieser Entwicklung. In ihnen gibt es keine Menschen. Keine Gesichter. Keine Körper. Keine Helden. Keine Opfer. Es ist die Absenz des Menschen, die diese Bilder bestimmt. Was früher Hintergrund war, wird Vordergrund. Die Natur übernimmt die Hauptrolle. Wasser, Erde, Himmel, Licht und Materie erzählen ihre eigenen Geschichten. Und dennoch bleibt der Mensch anwesend – nicht durch seine Erscheinung, sondern durch seine Spuren. 

Über Alberto Venzago 

Alberto Venzago ist Fotograf, Fotojournalist, Filmemacher und Künstler. Er arbeitete für MAGNUM, seine Arbeiten wurden in LIFE, STERN und GEO publiziert. Er gewann zahlreiche internationale Auszeichnungen, inklusive dem ICP Infinity Award in New York City. Seine Bilder hängen in zahlreichen Museen und Privatsammlungen. Er ist HALL OF FAME Member des Art Directors Club Schweiz. Venzago wohnt in Zürich und auf Hiva Oa.

Wasser

Bei den Staubbachfällen, der Passugger Quelle und den Trümmelbachfällen erfahre ich Wasser in drei völlig unterschiedlichen Aggregatzuständen: als dramatischen Sturz, als verborgenen Ursprung, als geologische Schöpfungskraft.

Bei den Staubbachfällen gehe ich dorthin, wo die Postkarte endet. Oben an der Felskante hält die Fotografie einen Augenblick fest, der in Wirklichkeit niemals stillsteht: den eingefrorenen Moment unmittelbar vor dem Fall.

Ganz anders die Quelle von Passugg. Tief im Inneren des Berges entsteht ein fast sakraler Raum. Das Wasser tritt aus dem Dunkel hervor, unscheinbar und leise – wie ein verborgenes Heiligtum, ein Gralsort. Hier zeigt sich Wasser als Ursprung.

Und schliesslich die Trümmelbachfälle. Unsichtbar von aussen frisst sich das Wasser seit Jahrtausenden durch den Fels und erschafft Räume von kathedralischer Grösse. Nicht ein Architekt hat diese Hallen entworfen, sondern die Geduld des Wassers.

Wasser ist der grosse Bildhauer der Zeit – weich und gleichzeitig stärker als Granit. Vielleicht handeln diese Fotografien deshalb nicht vom Wasser selbst. Sie handeln von Zeit. Von der Zeit, die fällt, fliesst, verschwindet und erschafft.

Wald


Die Waldaufnahmen bestehen aus mehreren hundert Einzelbildern. Sie entstanden nachts, indem Bäume und Vegetation über Stunden mit Taschenlampen «gemalt» wurden. Das fertige Bild ist kein Augenblick, sondern ein Konstrukt aus Zeit, Raum und Licht.
In der Natur gibt es nur eine Lichtquelle: die Sonne. In meinen Arbeiten kommt das Licht von verschiedenen Seiten gleichzeitig. Vertraute Landschaften verwandeln sich in surreale Räume zwischen Beobachtung und Vorstellung. Das Schwarz-Weiss verstärkt diesen Prozess und lenkt den Blick auf Struktur, Form und Licht.
Vielleicht handeln diese Arbeiten deshalb weniger von Natur als von Wahrnehmung. Noch näher an meinem Ansatz wäre ein Gedanke von Paul Klee:
«Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.»
Der Wald wird zum Bühnenraum, in dem sich Natur in etwas Anthropomorphes verwandelt. Die Bäume scheinen zu stehen, zu warten, zu beobachten. Was wir sehen, ist weniger eine Landschaft als eine Erscheinung.

Gletscher

Die Gletscheraufnahmen entstanden über mehrere Jahre hinweg, alle aus dem Helikopter. Erst aus der Luft offenbaren sich ihre Dimensionen. Was vom Boden aus als Landschaft erscheint, wird aus der Höhe zu einer abstrakten Topografie aus Eis, Stein, Wasser und Licht – durchzogen von Adern, Brüchen und Narben.

Diese Fotografien dokumentieren nicht nur einen Ort, sondern einen Prozess. Sie zeigen das Vergehen. Gletscher gehören zu den ältesten sichtbaren Zeugen unserer Erde. Heute erleben wir ihr langsames Verschwinden.

Besonders eindringlich erscheint dies am Rhonegletscher. Während der Sommermonate wird ein Teil seiner Oberfläche mit riesigen weissen Tüchern abgedeckt, um das Eis vor der Sonne zu schützen. Die weissen Bahnen erinnern an Verbände, die über eine verletzte Landschaft gelegt werden – oder an ein Leichentuch. Das Bild wird zu einer Metapher für Fürsorge, Verzweiflung und Vergänglichkeit.

Bei den Gletschern wird Wasser zur Zeit – als etwas, das kommt und geht, Landschaften formt und wieder verschwinden lässt.

Berge


Die Alpen gehören wahrscheinlich zu den meistfotografierten Motiven der Schweiz. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht: Wie fotografiert man einen Berg? Sondern: Wie schaut man ihn an? Die Herausforderung besteht nicht darin, einen neuen Berg zu finden, sondern einen neuen Blick.
Ich bin kein geduldiger Mensch. Die Naturfotografie verlangt jedoch eine Eigenschaft, die meinem Wesen eigentlich widerspricht: warten zu können. Nicht handeln. Nicht eingreifen. Sondern beobachten. Warten. Schauen. Noch einmal warten.
Die Berge verändern sich ständig, obwohl sie als Sinnbild von Beständigkeit gelten. Das Licht schreibt unaufhörlich neue Geschichten auf dieselbe Landschaft. Fotografie bedeutet wörtlich: mit Licht schreiben. Nicht die Felsen formen das Bild, sondern das Licht, das über sie wandert. Das Schwarz-Weiss verstärkt diese Erfahrung. Vielleicht erzählen diese Bilder deshalb weniger von den Alpen als von einem Zustand des Schauens.
Für die Verbindung von Licht, Geduld und Wahrnehmung gefällt mir ein Satz vom Bündner Architekten Peter Zumthor:
«Ich glaube, dass die Dinge eine Stille besitzen.» – Peter Zumthor
Genau das spüre ich in den Engadiner Schneelandschaften. Nicht Dramatik. Nicht Spektakel. Sondern eine grosse, fast meditative Stille. Und diese Stille verbindet letztlich alle vier Kapitel dieser Ausstellung: Wald, Gletscher, Wasser und Berge – unterschiedliche Erscheinungsformen derselben Suche nach Zeit, Licht und Vergänglichkeit.